Frühjahr
2011
:
Nachruf20. August 1942 — 5. April 2011
Edith Saurer, Universitätsprofessorin für Neuere Geschichte an
der Universität Wien, ist Anfang April verstorben. Sie hat die
universitäre Geschlechterforschungslandschaft in Österreich ganz
wesentlich geprägt und zahlreiche Projekte und Einrichtungen
mit/initiiert: die „Arbeitsgruppe Frauengeschichte”, später
umbenannt in „Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechtergeschichte”;
die „Initiative zur Förderung der Frauenforschung und ihrer
Verankerung in der Lehre an der Universität Wien”, aus der die
„Koordinationsstelle für Frauenforschung” (das heutige „Referat
Genderforschung”) hervorging; „L'Homme. Zeitschrift für
feministische Geschichtswissenschaft”; die Zeitschrift „Historische
Anthropologie”; die „Sammlung Frauennachlässe” an der
Universität Wien; die Forschungsplattform „Neuverortung der
Frauen- und Geschlechtergeschichte im veränderten europäischen
Kontext” und die Internetplattform „Salon 21”; MATILDA, das
Europäische Masterprogramm für Frauen- und Geschlechtergeschichte.
Und last but not least hat Edith Saurer im Zuge ihrer Laufbahn
zahlreiche junge Historiker_innen gefördert und geprägt. Edith
Saurer hat mich über den größten Teil meines Universitätsstudiums
begleitet: Erstmals begegnete ich ihr in ihrer Vorlesung „Zur
Geschichte der Liebe” Anfang der 1990er Jahre. Das Thema allein
schon war für mich — den klassischen Geschichtsunterricht aus dem
Gymnasium noch im Kopf — eine Irritation. Die Vorlesung selbest
machte mir schließlich deutlich, was Geschichtswissenschaft alles
sein kann, dass nicht nur politische Ereignisse und die herrschende
Schicht geschichtswürdig sind und welche Erkenntnisse die veränderte
Blickrichtung mit sich bringen kann! Nach weiteren
Lehrveranstaltungen bei ihr entschied ich mich, sie als
Diplomarbeitsbetreuerin zu wählen, später wurde sie auch die
Betreuerin meiner Dissertation. In schöner und bleibender Erinnerung
sind mir ihre Bestärkung und Ermunterung, ihre assoziativen
Kommentare sowie ihre intensiven und motivierenden Diplomand_innen-
und Dissertant_innenseminare da und dort. Ich habe sie als offen und
unvoreingenommen erlebt, mit einer leidenschaftlichen, mitreißenden
und auch spielerischen Neugier. Das hat mich fasziniert und geprägt.
Und ich vermisse sie deshalb. Ich habe sie als eine Person kennen
gelernt, die sich von Grenzen nicht über die Maßen beeindrucken
ließ: Wissenschaftlich bewegte sie sich vielfach auf
interdisziplinärem Boden, forschte an den Schnittstellen von
materieller Kultur, Politikgeschichte, Religionsgeschichte und
Geschlechtergeschichte. Auch bei der Umsetzung ihrer Ideen in die
Realität versuchte sie die Grenzen des Möglichen auszudehnen und
anders zu interpretieren, die Risiken nahm sie dabei in Kauf.
Beeindruckt hat mich ihr entschiedenes Auftreten und Engagement gegen
diskriminierende Verhältnisse und autoritäre Strukturen, wobei sie
den Blick auf die Menschen dabei nicht verloren hat. Sie hat den
gesellschaftspolitischen Auftrag von Wissenschaft ernst genommen.
Heidi Niederkofler