FrühjahrFrühjahr 20102010:: Gesundheit/KörperGesundheit/Körper

Ethische Arzneimittelforschung an Schwangeren?

Die Schweizer Ärztin Verina Wild legt mit diesem Band eine überarbeitete Fassung ihrer medizinethischen Dissertation zum Thema Arzneimittelforschung an schwangeren Frauen vor. Ausgangspunkt ist das Dilemma, vor dem sowohl die betroffenen Frauen als auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte stehen, wenn in einer Schwangerschaft die Einnahme von Medikamenten notwendig wird: es gibt nur wenige für die Einnahme in der Schwangerschaft getestete Medikamente. Die Frauen müssen entscheiden, ob sie eine Krankheit unbehandelt „aushalten“ oder ob sie die Verantwortung übernehmen, ein nicht an Schwangeren getestetes Medikament, für das nur allgemeine, aber keine systematischen Erfahrungen vorliegen, einnehmen. Die Diskussion über mögliche Medikamentenforschung verläuft, wie die Autorin darlegt besonders seit dem Conterganskandal, tabui-sierend; auch die Diskussion von risikoärmeren Studientypen wird mit dem Hinweis auf die Vulnerabilität der Betroffenen (d.h. eine (angebliche) eingeschränkte Entscheidungsfähigkeit und erhöhtes Risiko der Ausbeutung) oft vorschnell abgebrochen. Die Entscheidungssituation Schwangerer wird also ähnlich der von Gefangenen, Kindern oder KomapatientInnen angenommen. Die Autorin diskutiert diese Annahmen detailliert und widerlegt sie großteils. Im Hinblick auf die Entscheidungszuständigkeit ist auch ihre Analyse der besonderen Situation einer Schwangeren als „doppelte Einheit“ von Mutter und Kind sehr interessant. Die Arbeit zeigt erst internationale Richtlinien zur Forschung an Schwangeren auf und führt schließlich auf Basis von Gesprächen mit GynäkologInnen und Interviews mit schwangeren oder frisch entbundenen Frauen eine medizinethische Diskussion über Für und Wider unterschiedlicher Settings von medizinischen Studien an Schwangeren. Auch für Nicht-MedizinerInnen sehr empfehlenswert. ESt
 
Verina Wild: Arzneimittelforschung an schwangeren Frauen. Dilemma, Kontroversen und ethische Diskussion. 256 Seiten, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2010 EUR 28,70

zum Seitenanfang springen

Schönheit von oben betrachtet?

In Kooperation mit Studierenden untersucht Otto Penz klassen- und geschlechtsspezifische Schönheitspraktiken als „Korrespondenz sozialer Positionen und symbolischer Äußerungen“. Das Schönheitshandeln (die Befragten erzählen dabei z. B. von Kosmetik- und Wellnessanwendungen oder sportlichen Aktivitäten) von Frauen und Männern der verschiedenen Klassen wird dabei entlang der Theorie Bourdieus analysiert und mit langen Interviewpassagen dargestellt. Aus diesem Blickwinkel tritt die Differenz zwischen den Geschlechtern in den Hintergrund und Schönheitspraktiken oder vielmehr die Erzählungen darüber werden als soziale Distinktionsbemühungen verständlich. Dabei grenzen sich die Frauen der „oberen“ und „mittleren“ Klasse in Anrufung der Natürlichkeit von einem „zu viel“ der „unteren“ Klasse ab. Die proletarischen Frauen folgen dem Diskurs des maßvollen Schönheitshandelns, weisen aber die intensivste Praxis auf. Darin ähneln sie den Männern der „oberen“ Klasse, die sich trotz oder eben gerade wegen ihres aufwendigen Handelns stark von Metrosexualität distanzieren. Dagegen seien die Männer der „unteren“ Klasse vorwiegend mit der Bekämpfung von Schweißgeruch beschäftigt. Das Buch bietet interessante Sichtweisen, allerdings scheint mir die Lesart davon, wer sich von wem abgrenzt und für „vulgär“ hält oder wo oben ist und wer in seinen Erzählungen über Schönheit wohin strebt, etwas eindimensional. Wenn ich bei mir in Ottakring in MTB-Schuhen am Beisl-ums-Eck vorbeiwabbere, kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die sogenannte „untere Klasse“ eher den Kopf über meinen vulgären Gang schüttelt, als ihn als Zeichen sozialen Aufstiegs nachahmen zu wollen. Doris Allhutter
 
Otto Penz: Schönheit als Praxis. Über klassen- und geschlechtsspezifische Körperlichkeit. 205 Seiten, Campus Verlag, Frankfurt/New York 2010 EUR 30,80

zum Seitenanfang springen

Frauen, Gesundheit und noch mehr im Blick

Das Buch gibt einen guten Einblick in die Bereiche gesundheitlicher Förderung, die von engagierten Frauengesundheitsforscherinnen in ihrer täglichen Praxis umgesetzt werden. Der von Hilde Wolf, Margit Endler und Beate Wimmer-Puchinger herausgegebene Band richtet einen Fokus v. a. auf jene Frauen und Bevölkerungsgruppen, die es in ihrem Alltagsleben nicht leicht haben, „gesund“ zu leben. Zugleich wird diese Prämisse - „ausschließlich“ gedacht - kritisch reflektiert. Im Aufsatz von Huberta Haider und Eva Trettler werden (geschlechter) rollenkonforme Verhaltensweisen und darauf basierende Gesundheitseinflüsse untersucht. Auf Frauen behindernde Lebenssituationen und mögliches Empowerment gehen Sonja Rader und Cassandra Cicero in ihrem Beitrag ein. Frauen in der zweiten Lebenshälfte, Frauen migrantischer Herkunft, wohnungslose Frauen werden in weiteren Beiträgen nicht als gesundheitlich „zu Schulende“ dargestellt, sondern es wird analysiert, wie ihre gesundheitlichen Potentiale jenseits von „Betroffenheitsdiskursen“ gefördert und gelebt werden können. Ein „Mythos der Vereinbarkeit“ wird ebenso untersucht wie Normvorgaben, die zu „neuem Hunger“ vor vollen Tellern führen. Das Buch weckt Sehnsucht nach Sättigung vulgo einer Aufhebung gezeigter und analysierter Bedarfslagen von Frauen, die einer gesundheitspolitischen Lösung jenseits spezieller frauenspezifischer Gesundheitsprogramme harren! Die dokumentierten Erfahrungen von Gesundheitsprojekten machen deutlich, dass es weiterer gesundheitspolitischer Verankerungen ihrer Ergebnisse bedarf. Insgesamt liest sich das Buch - angenehmerweise! - als „Gegentext“ zu Hochglanzbroschüren, die Frauen (und auch Männern) vorgaukeln wollen, dass Gesundheit allein ein Produkt individueller „Machbarkeit“ ist. Akzeptanz und Aufmerksamkeit für Differenzen in vielerlei Hinsicht sind jene Merkmale, die das Buch in besonderer Weise auszeichnen. Gerlinde Mauerer
 
Frauen - Gesundheit - Soziale Lage. Hg. von Hilde Wolf, Margit Endler und Beate Wimmer-Puchinger. 214 Seiten, Facultas WUV Universitätsverlag, Wien 2010 EUR 19,90

zum Seitenanfang springen

Sex Sells

In der Einleitung dieses Buches beschreibt Margarethe Hochleitner (Herausgeberin und Noch-immer-nicht-Rektorin der Medizinischen Universität Innsbruck) den „verdächtigen“ besonderen Erfolg der Ringvorlesung zum Thema „Sexualitäten“: Der Titel bewies magnetische Zugkraft. Was zunächst vielleicht mildes (Be-)Lächeln hervorruft, wird ernst und medizinisch relevant, wenn es um Themen wie z. B. „Herzoperationen und Sexualität“ geht. Bügeln und Schneeschaufeln - die Ringvorlesung fand in Tirol statt! - werden als männer- und frauenspezifische Themen im Questionnaire zu Hausarbeit und Sexualität entlarvt. Immer wieder wird deutlich, dass Sexualität von Frauen wenig(er) im Hinblick auf ihre eigene Bedürfnisse reflektiert wird. „Genitalkorrekturen“ werden im Weiteren ebenso thematisiert wie Intersexualität (Hertha Richter-Appelt). Ein langjährig geltendes Paradigma früher Entscheidungen betreffend die Wahl eines (bestimmten) Geschlechts bei Intersexualität wird in Frage gestellt, bzw. wird angeführt, dass von Befragten angegebene Verunsicherungen in der Geschlechtsidentität auch auf „psychosoziale Faktoren wie das Fehlen von Ressourcen und Unterstützung“ zurückzuführen sind. Historische Analysen, etwa zur Entjungferung als vorgezeigtem Akt in der Präsentation eines blutigen Leintuchs (Erna Pfeiffer) schließen die umfassenden Betrachtungen ab. Was Frauen schon immer über Sex wissen wollten, aber medizinisch oftmals unter Auslassung ihrer Person „erklärt“ wurde, wird hier ein Stück weit - in heterosexuellen Bezugnahmen - erschlossen. Zurück zum Titel: Der Band hat gute Chancen, ein Best-Seller zu werden! Gerlinde Mauerer
 
Gender Medicine. Band 3. Sexualität. Hg. von Margarethe Hochleitner. 159 Seiten, Facultas WUV Universitätsverlag, Wien 2010 EUR 22,90

zum Seitenanfang springen

Körper(un)zufriedenheit

In diesem Buch geht es um Körperunzufriedenheit und die Suche nach Auswegen. Viele Frauen (zunehmend auch Männer) fühlen sich in ihrem Körper nicht zu Hause: Der Körper ist nicht gut (schön, schlank, sportlich …) genug. Immer mehr Menschen machen eine Therapie, weil sie in ihrem Körper unglücklich sind. Selbstverletzendes Verhalten, Ess-Probleme, Schönheitsoperationen, zwanghafte sportliche Betätigung können als beständige Versuche der Betreffenden verstanden werden, einen verlässlichen Körper zu finden und die Scham wegen des eigenen Körpers los zu werden. Wobei die Autorin darauf hinweist, dass Körper immer schon geformt wurden, um Gruppenzugehörigkeiten zu demonstrieren. Die Psychotherapeutin warnt jedoch vor der derzeitigen gesellschaftlichen Strömung: Wir sollen unsere Körper perfektionieren; er ist nicht nur dazu da, dass wir uns fortbewegen, essen, arbeiten und lieben können, nein, er ist ein Produkt, das wir selbst fabrizieren. Der neue Imperativ heißt: Sei schön! Die Dauerberieselung mit makellosen Idealfiguren schafft ein kulturelles Klima, in dem es als persönliche Pflicht empfunden wird, Aussehen und Funktion des Körpers zu optimieren. Von dieser Haltung profitieren ganze Industrien, die unvorstellbare Wachstumsraten aufweisen: Schönheitsindustrie, Schönheitschirurgie, Kosmetikindustrie. Die Menschen sehen sich jedoch nicht als ausgebeutete Opfer dieser Industrien, sondern deuten das Problem um: An mir ist etwas verkehrt, das ich durch Bemühen - Training, Geldaufwendung und Wachsamkeit - in Ordnung bringen kann. So bleiben die kommerziellen Interessen hinter den Bildern, die unser persönliches Körperbild stören, unerkannt. Dieses Buch macht Frauen und Männern Mut, Zugang zum eigenen Körper zu finden. Es ermuntert zum Wagnis, den Körper sich selbst zu überlassen und so immer mehr im Einklang mit sich leben zu können. Sabine Zankl
 
Susie Orbach: Bodies. Schlachtfelder der Schönheit. Übersetzt von Cornelia Holfelder - von der Tann. 205 Seiten, Arche Verlag, Hamburg 2010 EUR 18,40

zum Seitenanfang springen